Balkan-Politiker in Wildwestmanier

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Balkan-Politiker in Wildwestmanier

Beitrag von Lucky Luke am Mo Jan 14, 2008 3:53 am

Aus der Sicht vieler Besucher und Beobachter aus dem Westen ist die Balkanhalbinsel auch heute, was sie schon immer gewesen ist: Eine zerklüftete Gebirgslandschaft mit tief zerstrittenen Völkern und immer neuen Ministaaten. Deren Politiker, so scheint es, bemühen sich jedenfalls nach Kräften, manch alte Vorurteile zu bestätigen.

Nirgendwo sonst in Europa sind die politischen Sitten so rau, ist die Sprache der Mächtigen so gewalttätig und verletzend, sind die physischen Abrechnungen mit dem Andersdenkenden so brutal wie im Südosten des Kontinents.

So hatte der bosnische Staatspräsident Zeljko Komsic dem Regierungschef des Nachbarlandes Serbien, Vojislav Kostunica, angedroht, er „bekommt was auf die Finger und eins auf die Nase“. „Primitivling“, keifte ein Kostunica-Sprecher zurück. Zeitgleich beschimpfte im serbischen Parlament in Belgrad eine Abgeordnete Kostunica und den Staatschef Boris Tadic wiederholt als „Verbrecherpärchen“. Ein wenig weiter südlich lieferten sich die Abgeordneten im Parlament von Mazedonien eine handfeste Schlägerei. Die Politiker der Balkanhalbinsel greifen regelmäßig zu Beleidigungen, Drohungen und Prügel, um sich beim Gegner Gehör zu verschaffen oder ihn mundtot zu machen.

Das überall salonfähige Phänomen in dieser Region heißt „Hassrede“. „Das Ziel ist, den politischen Gegner zu erniedrigen, zu entmenschlichen, seinen humanen Wert zu vernichten“, skizziert Biljana Kovacevic-Vuco die Motive der sprachlichen und tätlichen Ausfälle. Kovacevic-Vuco ist Vorsitzende des serbischen „Juristen- Komitees für Menschenrechte“ (YUCOM), das einen Schwerpunkt seiner Arbeit auf den Kampf gegen dieses „Hassreden“ in Politik und Medien gelegt hat. „Es geht nicht um einen groben Stil, sondern um Hetzpropaganda, die den Andersdenkenden diffamiert“, sagt die Anwältin. Die ständigen Aufrufe zur Gewalt gegen solche Personen unterstellten, „die haben kein Recht zu leben“ und „wenn die angegriffen werden, haben sie selbst Schuld“.

„Die Sozialdemokraten sind wie ein Kleinkind, das sich nicht entscheiden kann, ob es pinkeln oder scheißen soll“, beschrieb der kroatische Ministerpräsident Ivo Sanader im letzten Wahlkampf die Opposition. „Gossensprache!“, waren die aufgebracht. Ein Jahr zuvor war kein Geringerer als Staatschef Stjepan Mesic im Staatsfernsehen ausfällig geworden „Ein Scheißer regt sich nicht auf, dass ich ihn einen Scheißer nenne. Das ist sein Charakterzug“. Mesic hatte für seine Entgleisung ein prominentes Vorbild. Der „politische Übervater“ und erste demokratisch gewählte Präsidenten des unabhängigen Kroatiens, Franjo Tudjman, beschimpfte seine Gegner regelmäßig als „Wirrköpfe, Hetzer, Störenfriede, Hirnlose, eifersüchtige Versager und vekaufte Seelen, die genetisch programmiert sind“. Aufsehen erregt hatte er im damals noch intakten jugoslawischen Vielvölkerstaat mit der Aussage „Ich danke Gott, dass ich nicht mit einer Serbin oder Jüdin verheiratet bin“.

Der serbische Oppositionsführer Tomislav Nikolic hatte sich vor zwei Jahren im Parlament an die Abgeordneten gewandt: „Und so ein Stück Scheiße haben Sie zum Minister gewählt!“. Gemeint war der damalige Außenminister Vuk Draskovic. Nikolic handelte sich vom Parlamentspräsidenten nur einen milden Tadel ein „Das macht doch wirklich keinen Sinn!“. „Lügner“, „Dieb“, „Nichtsnutz“, „Kretin“, sind noch harmlose Ausdrücke, die tagtäglich in politischen Debatten zu hören sind. Eine besondere Abart der miesen Redensarten ist der ausgiebige Gebrauch sexuellen Vokabulars. Wahrscheinlich sind diese Redensarten, die vom Universitätsprofessor im Alltag ebenso selbstverständlich gebraucht werden wie vom Bauarbeiter, nirgendwo verbreiteter als auf der Balkanhalbinsel.

Die männlichen und weiblichen Geschlechtsteile kommen in Mutterflüchen vor, die schon Kinder den Erwachsenen nachplappern. Wenn mit der Drohung des Mannes mit Geschlechtsverkehr nur der defekte Hochhauslift oder der Stolperstein auf der Straße angesprochen wird, mag das noch als derbe Folklore durchgehen. Wenn damit jedoch Frauen im politisch anderen Lager malträtiert werden, bekomme dieses Verhalten eine ganz andere Qualität, kritisieren heimische Journalistenorganisationen. „In unseren Politikreden kann man Vergewaltigungsdrohungen hören“, sagt entsetzt auch die Belgrader Journalistin Mirjana Bobic-Mojsilovic. In der patriarchalischen Gesellschaft sei das zu allem Überfluss auch noch als „Stärke des politischen Führers“ gesellschaftsfähig. Es werde als Zeichen der „männlichen Durchsetzungsfähigkeit“ akzeptiert.

Der unbestrittene „König der Schmähungen und Ausschreitungen“ ist der serbische Infrastrukturminister Velimir Ilic. „Du Abschaum, Scheißdreck, Lümmel“, sind noch eher alltägliche öffentliche Beleidigungen an die Adresse von Journalisten. Vor laufenden TV- Kameras springt er auf, tritt dem Interviewer mit voller Wucht in den Körper und verlässt wutschnaubend und drohend das Studio. Seine jüngsten beiden Affären: Die Sekretärin eines Ministerkollegen belegte er mit schlimmen Ausdrücken aus der Fäkal- und Gossensprache als Prostituierte. Einen Journalisten, der das möglicherweise illegal gebaute Krankenhaus von Ilic fotografieren wollte, beschuldigte er offen, „meine Schafe sexuell missbraucht“ zu haben. Die Mitarbeiter des regierungskritischen Senders B92 fuhr er an: „Ihr seid krank, ihr seid ein Fall für die psychiatrische Klinik! Euch muss man kollektiv behandeln. Wir werden ein Zentrum für Euch bauen, das sich um Euch kümmert.“

Der Schritt von den Hassreden zur tatsächlichen Gewalt ist klein. Im Parlament Albaniens gab es ebenso Prügelszenen wie im Rat der serbischen Stadt Ruma (60 Kilometer westlich von Belgrad). Auch im Stadtrat des nordserbischen Subotica flogen die Fäuste. Ilic- Parteifreunde verhinderten im letzten Dezember in der Provinzstadt Arandjelovac zweimal ein Treffen politisch Andersdenkender mit Gewalt. „Das ist eine ganz normale politische Auseinandersetzung“, nahm Ilic seine Anhänger in Schutz. Ihr Anführer, der Bürgermeister der Gemeinde Topola, fühlte sich durch diese „Belobigung“ sogar noch angespornt. Er werde die Roma-Siedlung in dieser Stadt mit einer stacheldrahtbewehrten Mauer absperren, damit die anderen Einwohner „keine unerwünschten Kontakte mit denen haben“, kündigte er an. „Ein Rassist mit Monsterideen“, schimpfte die einflussreiche Belgrader Zeitung „Blic“. Doch der Mann legte noch nach und drohte mit dem Niederbrennen des von ihm offen gehassten Senders B92.

Gilt Minister Ilic als Negativbeispiel in der Regierung, so fällt diese extreme Rolle im serbischen Journalismus Aleksandar Tijanic zu. Seit er 2001 Medienberater des damaligen Präsidenten und heutigen Regierungschefs Kostunica wurde und seit 2004 an die Spitze des alles beherrschenden Staatsfernsehens aufrückte (trotz fehlender gesetzlich vorgeschriebener Bildung/Ausbildung), kann er den Erfolg einer einzigartigen Karriere vom Kurier und Archivboten zum einflussreichsten Medienvertreter genießen. Die Juristen von „YUCOM“ haben sein „Lebenswerk“ in einem Buch zusammengestellt. Es besteht aus tausenden und abertausenden Texten mit Anpöbelungen, Schmähungen und Unverschämtheiten sowie peinlichen Lobhudeleien für Mirjana Markovic, die Gattin des 2000 durch einen Volksaufstand gestürzten Autokraten Slobodan Milosevic. Von dessen Gnaden wurde er sogar 1996 Informationsminister, der viele oppositionelle Medien kurzerhand schließen ließ.

Tijanic wird von seinen Kritikern beschuldigt, für seine Auftraggeber vielfach „die politische Exekution medial vorbereitet“ zu haben. Seine Hetzschriften hätten auch zu einem Hassklima beigetragen, das schließlich zur Ermordung des Reform-Regierungschefs Zoran Djindjic im Jahr 2003 durch politisch gedeckte Mafiosi geführt habe. Tijanic hat in seinen vulgären Texten und persönlichen Angriffen unter jedem Niveau alle anderen „Mitbewerber“ um diese Negativtrophäe in den Schatten gestellt. Frauen bedrohte er regelmäßig mit verbalen sexuellen Ausfällen. Anspielungen auf ihre Geschlechtsorgane und sexuelle Gewohnheiten flossen ihm ohne jeden Anflug von ethischen Bedenken aus der Feder. Missliebige Frauen bezeichnete er immer und immer wieder als „gewöhnlichste Huren“, „Kommentatorinnen mit Schweinefingern“ oder hirnlose Wesen. Der als Choleriker bekannte Fernsehchef erschien im letzten Jahr sichtlich angetrunken in einer von Frauen bestrittenen Talkshow und schlug wie wild auf den Studiotisch, um sich Gehör zu verschaffen. Er habe „Fliegen fangen“ wollen, rechtfertigte er sich später.

„Es hat in Serbien keine Aufarbeitung der schlimmen Geschichte gegeben“, analysiert die „YUCOM“-Vorsitzende die tieferen Gründe für die Akzeptanz dieser „Hassreden“ in Serbien. Das gelte vor allem für die 14-jährige Regierungszeit von Milosevic, die durch fehlende Rechtsstaatlichkeit und einen Zusammenschluss von Politik und Mafia geprägt war. „Durch den langen Kommunismus und Totalitarismus, durch die traditionell patriarchalisch geprägte Gesellschaft gibt es keine demokratische Tradition“, sagt sie. Die Folge: In der Belgrader Reality-Show “48 Stunden Hochzeit“ bekennt der angehende Ehemann, dass er seine Frau gelegentlich schlägt. Und in der Öffentlichkeit gibt es Zustimmung zu „Ohrfeigen“ und „Klapsen“, wenn sich die Angebetete „nicht richtig benimmt“.

Heimische Psychologen sehen inzwischen einen Zusammenhang zwischen den gängigen „Hassreden“ von Politik und Medien mit der Gewaltwelle in anderen gesellschaftlichen Bereichen. So wird von vermehrten Angriffen von Schülern gegen ihre Lehrer berichtet. Die Aggression werde von den jugendlichen Tätern meist als normale Durchsetzung ihrer persönlichen Interessen beschrieben, analysiert die Psychologin Dragana Kozovic die Hintergründe. Die Schüler hätten diese Verhaltensmuster in der Regel von ihren Eltern übernommen. „Nicht vergessen werden darf auch, dass in den Schulbänken Kinder sitzen, die in Kriegszeiten und Zeiten von Bomben in ihren Höfen aufgewachsen sind und die Zeugen geworden sind von Familiendramen, Elend und Armut“. Nicht zuletzt wird eine Gewaltwelle bei Ärzten und in Krankenhäusern verzeichnet, wo unzufriedene Patienten die Mediziner tätlich angreifen, um „zu ihrem Recht zu kommen“. „Zum Doktor mit den Fäusten“, titelte die Belgrader Zeitung „Novosti“.

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Beitrag von Ja_ku_jam am Do Jan 24, 2008 1:28 am

hahahaha

Der Text ist lesenswert! Laughing
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Beitrag von Zhan Si Min am Do Jan 24, 2008 3:27 am

nicht schlecht, der text ^^

Zhan Si Min

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